Auf Grund seiner besonderen Verdienste in der Förderung der Phykologie im deutschsprachigen Raum wurde ihm 2006 die erste „Hans Adolf von Stosch-Medaille“ von der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft verliehen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Eberhard Schnepf regte Ludwig Kies 1982 die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft der deutschen Phykologen an. Er übernahm federführend die Durchsetzung dieser Idee, und so konnte 1983 auf der Botanikertagung in Wien ein Symposium Phykologie mit den Veranstaltern L. Kies, E. Kusel-Fetzmann und W. Löffelhardt stattfinden, indem eine Arbeitsgruppe Phykologie begründet wurde. Ludwig Kies war einer der ersten Sprecher und die erste Tagung fand 1987 in der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb statt. Sie wurde fortan alle zwei Jahre im Wechsel mit der Botanikertagung abgehalten. Diese Tagungen haben vielen jungen Wissenschaftlern Raum zur Präsentation ihrer Ergebnisse und Möglichkeiten zu Kontakten untereinander gegeben.
Ludwig Kies wurde 1938 im mittelsächsischen Hermsdorf, im Vorland des Erzgebirges, nicht weit von Dresden und Chemnitz entfernt, geboren. Nach dem Volksschulabschluss in der damaligen DDR 1952 erhielt die Familie die Möglichkeit, in die Bundesrepublik auszureisen und zwar nach Unterroth in Württemberg, einem kleinen Ort nahe Ulm. Um als erstes Kind aus einer Arbeiterfamilie ein späteres Studium anzustreben, musste Ludwig Kies im 100 km entfernten Staatlichen Aufbaugymnasium mit Heim in Schwäbisch Gmünd die Hochschulreife erwerben, was für seine Eltern eine enorme finanzielle Belastung darstellte. Diese Schuljahre und das Leben im Internat prägten Ludwig Kies offenbar stark.
Mit Beginn des Sommersemesters 1957 begann er ein Studium für das höhere Lehramt mit den Fächern Biologie, Chemie und Geographie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Akademische Lehrer waren dort die Professoren Julius Schwemmle, Konrad Gauckler und Erik Haustein. Hier erwarb Ludwig Kies grundlegende Kenntnisse in der Systematik, Pflanzenphysiologie und Geobotanik. Schwemmle war Systematiker und Gauckler Pharmazeut und Wegbereiter der modernen Pflanzensoziologie und Biogeographie. Haustein war in der Genetik tätig und gab Ludwig Kies eine Arbeit über die Desmidiaceae (Zieralgen). Auf Grund dieser Arbeit hielt er bereits 1962 einen Vortrag über die experimentelle Auslösung von Fortpflanzungsvorgängen bei Desmidiaceen beim Festkolloquium zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Ernst Georg Pringsheim in Göttingen. 1959 ging Kies für ein Sommersemester an das pflanzenphysiologische Institut der Freien Universität Berlin, wo in der Botanik Prof. Dr. Horst Drawert und Prof. Dr. Theo Eckhardt lehrten. Anschließend studierte er wieder in Erlangen und legte 1962 das 1. Staatsexamen für das höhere Lehramt in Biologie, Chemie und Geographie ab. Es folgte ein Jahr als Studienreferendar in Nürnberg. Schon 1963 promovierte er zum Dr. rer. nat. im Fach Botanik in Erlangen mit einer Arbeit über die experimentelle Auslösung von Fortpflanzungsvorgängen und die Zygotenkeimung bei Closterium acerosum. Ein Stipendium für ein „Postdoctoral Fellowship-Jahr“ an der Indiana University öffnete ihm den Weg für eine Hochschullaufbahn. Hier befand sich die durch Prof. Dr. Richard Starr aufgebaute Algensammlung, die später nach Austin, Texas, umzog und heute im Akronym als UTEX firmiert. Vermutlich konnte Ludwig Kies hier viel über die Isolierung von Algen und die Algenkultur erlernen.
1964 trat er eine Assistentenstelle jetzigen Institut für Pflanzenwissenschaften und Mikrobiologie (IPM) an, das damals und heute noch immer eng mit dem Botanischen Garten (Loki-Schmidt-Garten) verbunden ist. Erst kurz zuvor hatte Drawert dort die Leitung übernommen. Dieser war von Haus aus eher Zytologe, beschäftigte sich aber auch mit Untersuchungen zum Bau und zur Entwicklung von Zieralgen. Einige Zellkulturen Drawerts waren Ausgangspunkt der Sammlung von Conjugaten-Kulturen. Ludwig Kies und andere Wissenschaftler trugen dazu bei, dass die Zahl der Kulturen enorm zunahm. Die Sammlung hat bis heute Bestand (https://www.mzch-svck.uni-hamburg.de/?action=welcome). Einige seiner Kulturen befinden sich auch in der Sammlung von Algenkulturen der Universität Göttingen (SAG) und in der „Central Collection of Algal Cultures (CCAC)" der Universität Duisburg-Essen.
Gesichert durch die Anstellung in Hamburg heirate Ludwig Kies 1965 Elisabeth Lorenz, die er während des Studiums in Erlangen kennengelernt hatte, und beide fanden in Hamburg ihre neue Heimat. 1967 kamen die Tochter Barbara, 1969 der Sohn Ulrich und 1971 die Tochter Ursula zur Welt. Ludwig Kies ist seinen Kindern als ein forschender Vater in Erinnerung, der immer ein Probegläschen in der Tasche hatte und ihnen viel über die Natur beibrachte.
Es folgte 1970 die Habilitation und die Ernennung zum Akademischen Rat mit der Verleihung der venia legendi (Lehrbefugnis) für das Fach Botanik mit Ernennung zum Privatdozenten, 1971 dann die Ernennung zum Wissenschaftlichen Oberrat, 1972 zum Wissenschaftlichen Rat und Professor und 1979 die Berufung auf eine C 2-Professur, die später in eine Universitätsprofessur für Botanik umgewandelt wurde.
Ein erstes Forschungsgebiet von Ludwig Kies waren die Desmidiaceae, die er bei seiner Doktorarbeit kennengelernt hatte und deren wunderschönen Formen ihn immer wieder begeisterten, Er versuchte ihre Zellstrukturen und Fortpflanzung sowie ihre systematische Stellung zu ergründen. Dabei setzte er auch elektronenmikroskopische Methoden ein. Neben mehreren Veröffentlichungen entstand 1972 auch ein Film über die geschlechtliche Fortpflanzung von Micrasterias papillifera (Conjugatophyceae) in Zusammenarbeit mit dem Institut für den wissenschaftlichen Film in Göttingen (https://av.tib.eu/media/11412).
Für sein Arbeitsgebiet als Systematiker sind die Arbeiten über die Glaucophyten besonders bedeutsam. Die Frage, inwieweit es sich bei den Plastiden dieser Organismen, den sog. Cyanellen, um Endocytobionten oder Zellorganellen handelte, faszinierte ihn. Für seine Studien legte er Kulturen von Arten der Gattungen Cyanophora, Glaucocystis, Gloeochaete, und Cyanoptyche an. Dazu modifizierte er aufwändig ein Algenkulturmedium (WEES), das Waris für Zygnematophyceae entwickelt hatte. Die elektronenmikroskopischen Untersuchungen zeigten, dass sich die Cyanellen deutlich von den Chloroplasten anderer Algengruppen unterschieden, und er erkannte, dass diese kleine Gruppe mit ca. 19 Arten von limnischen Organismen eine eigenständige Klasse, von ihm und Bruno Kremer als Glaucocystophyceae beschrieben, darstellen. Sie sind damit Modellorganismen für die Evolution der Chloroplasten.
Aber auch die Freilandarbeit zur Untersuchung der Flora limnischer Gewässer Hamburgs und seiner Umgebung wie der Lüneburger Heide oder dem Wendland war ihm sehr wichtig. So entstanden in seiner Arbeitsgruppe zahlreiche Arbeiten über die Algenvegetation von Torfstichen und Moorkuhlen ebenso wie von Fließgewässern. Neben den Desmidiaceen wurden dort Algen vieler anderer Algengruppen beachtet, wie Charophyceae (Armleuchteralgen), Florideophyceae (Rotalgen), Synurophyceae (Teil der Goldalgen) und auch Bacillariophyceae (Kieselalgen). In mehreren Sammelarbeiten dokumentierte er Bestand und Artendiversität. So entstanden in gemeinsamer Arbeit mit Kurt Handke eine Bestandsaufnahme und Kartierung der Desmidiaceen von Hamburg (1990) und mit Frau Prof. Dr. Ursula Geissler vom Institut für Systematische Botanik und Pflanzengeographie der FU Berlin die Analyse über Artendiversität und Veränderungen in der Algenflora der städtischen Ballungsgebiete Berlins und Hamburgs (2003). Wichtig war ihm auch der Schutz dieser Organismen, wie die Beteiligung am Artenschutzprogramm für Armleuchteralgen (Charophyta) und Süßwasser-Rotalgen (Rhodophyta) im Gebiet von Hamburg und an den Roten Liste für Armleuchteralgen (Charophyceae) Deutschlands zeigen. Es blieb aber nicht nur bei Arbeiten über die heimische Flora. Expeditionen in den Jahren 1985 bis 1987 führten ihn nach Chile zur Erforschung des Lago Chungará, eines Hochgebirgssees in den Anden, der durch die Tätigkeit eines Schichtvulkans entstanden ist. Gemeinsam mit dem Zoologen Prof. Dr. Wolfgang Villwock, dem Geologen Prof. Dr. Friedhelm Thiedig und dem Zoologen Dr. Rudolf Thomann von der Universität de Tarapacá in Nordchile untersuchte Ludwig Kies sowohl Flora als auch Fauna einiger Gewässer des Altiplano. Er empfand dies immer als einen besonderen Höhepunkt seiner floristischen Arbeit.
Als Leiter einer Hamburger Gruppe kamen aber auch die Themen mariner und brackiger Lebensräume nicht zu kurz. Seine vielen Exkursionen nach Helgoland schlugen sich auch in Arbeiten über die Flora des Felswattes nieder. Im Rahmen eines Teilprojektes des Sonderforschungsbereichs Tide-Elbe wurde in den Jahren 1986 bis 1994 die Primärproduktion von Algen und Makrophyten in der Tide-Elbe mannigfaltig untersucht. Dabei ging es um Mikro- und Makrophytobenthos, um Bestimmungen der Biomasse und Primärproduktion des Phytoplanktons ebenso wie um die Rolle des „marine snow“ im Elbe-Ästuar. So wurde dieses besondere Ökosystem im Hinblick auf sein Zusammenspiel mit Umweltfaktoren und im Vergleich mit anderen europäischen Ästuaren wie dem des irischen Shannon ergründet. Eine Vielzahl von Arbeiten entstand, wurde in größeren Sammelwerken veröffentlicht und führte in Symposium zu Diskussionen zwischen Politik und Wirtschaft einerseits und Naturschützern, Ökologen, Elbfischern und Bauern andererseits über Qualitätsziele und notwendige politische Entscheidungen. Ludwig Kies blieb in diesen Diskussionen immer wissenschaftlich korrekt und sachlich zielführend und vertrat seine realistischen Auffassungen.
Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit engagierte sich Ludwig Kies sehr in der Lehre. Er hielt im Grundstudium Vorlesungen in Allgemeiner Botanik und unterrichtete im Hauptstudium über Entwicklungsgeschichte und Systematik, Fortpflanzung und Sexualität, Symbiose und Parasitismus im Pflanzenreich sowie über die Ökologie von Süßwasseralgen. Gemeinsam mit dem Ökophysiologen Dr. Wilfried Kasprik veranstaltete er auch ein algenkundliches Seminar. Dazu kamen viele Praktika, die im Grundstudium das Pflanzenreich von den Bakterien bis zu den Angiospermen betrachteten und sich im Hauptstudium spezieller mit der Biologie der Algen und ihrer Bestimmung sowie den Algen der Tide-Elbe beschäftigten. Die Praktika wurden sorgfältig vorbereitet. Es ging am Samstag mit Hilfskräften ins Gelände, um Frischmaterial für die am Montag stattfindende Veranstaltung zu sammeln. Damit motivierte er mehrere Studentengenerationen dazu, Algen zu sammeln und teils auch, sie in Kultur zu nehmen.
Auch führte er in Hamburg regelmäßige Exkursionen ein und war über viele Jahre Mentor einer Exkursions-Arbeitsgemeinschaft. Diese führten häufig ins Wendland, aber auch nach Helgoland, wo er zusammen mit Prof. Dr. Klaus Lüning jahrelang im Team die Algen Helgolands dokumentierte. Bei diesen Exkursionen kam er seinen Studenten besonders nahe und diese schätzen sein Engagement und ließen sich von seiner Begeisterung für die Algen anstecken. Dort lernten sie „ihren“ Professor auf eine ganz andere Art kennen, denn Ludwig Kies war im Institut immer korrekt gekleidet, stand dann aber mit Ihnen in Helgoland mit roter Mütze, Parka und Gummistiefeln im Felswatt und man konnte sich seinem Enthusiasmus kaum entziehen. Als Betreuer wurde er als eine Respektsperson empfunden, korrekt, anspruchsvoll, aber immer fair agierend. Obwohl aus Sachsen, wurde seine Art als „hanseatisch“ empfunden. Seine Bürotür stand meist offen und er interessierte sich für den Fortgang der Haus-, Staatsexamens-, Diplom- und Doktorarbeiten und motivierte zu Veröffentlichungen.
Sein Engagement beschränkte sich aber nicht nur auf die Studierenden. Er war Mitglied und später im Vorstand des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg und veranstaltete öffentliche Führungen durch den Botanischen Garten. Weiterhin war er Mitherausgeber vieler Bände der Mittteilungen aus dem Institut für Allgemeinen Botanik Hamburg und gemeinsam mit dem Meeresbiologen Prof. Dr. Reinhard Schnetter von der Universität Gießen Herausgeber der Bibliotheka Phycologica. Für einige wichtige Werke zeichnete er allein verantwortlich.
2003 ging Ludwig Kies nach einem sehr aktiven wissenschaftlichen Leben in den Ruhestand. Er blieb aber auch später noch der Algenforschung verbunden und hatte für jüngere Phykologen ein offenes Ohr. In seinem Ruhestand beschäftigte er sich gerne mit Lebenserinnerungen und der Ahnenforschung und genoss das Familienleben mit vielen Enkeln und Urenkeln.
Ludwig Kies starb am 20. Februar 2026 nach längerer Krankheit. Die Traueranzeige seiner Familie ist überschrieben mit dem Satz „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde…“ (Prediger 3, 1). Ebenso wie die Familie sind auch wir dankbar für die Zeit, die wir mit diesem bescheidenen und zugewandten Menschen verbringen durften.
Unser Dank geht vor allem an Frau Elisabeth Kies, die mit viel Geduld bei der Abfassung dieses Nachrufes unterstützt hat, und an ehemalige Mitarbeiter, Kollegen und Studenten, wie Prof. Dr. Michael Melkonian, Dr. Maike Lorenz, Dr. Thomas Leya und Dr. Kirsten Wolfstein, die ihre Erinnerungen an Ludwig Kies mit uns geteilt haben.
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Im Mai 2026
Dr. Antje Gutowski , Dr. Christian Wiencke, Dr. Monika Engels