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Bis vor wenigen Jahren noch mehr oder weniger in Lehrbüchern deutscher und englischer Sprache ignoriert, setzt sich heute die Erkenntnis kraftvoll durch, dass Organellen wie Mitochondrien und die Plastiden der Pflanzen durch Aufnahme und anschließende schrittweise Reduktion von Bakterien in eukaryotischen Zellen entstanden sind. Insbesondere die Forschungsarbeiten an Algen waren in diesem Zusammenhang richtungweisend und verhalfen der neuen Erkenntnis zum Durchbruch.
Nach den entscheidenden Publikationen von Schimper (1883), Altmann (1894), Merežkowskij (1905) und Famincyn (1907) zur Endosymbiosetheorie, geriet der Gedanke der Symbiogenese der Organellen durch Endosymbiose in den folgenden Jahrzehnten wieder in Vergessenheit. Zunächst griff Schnepf (1964, mit Bezug auf die Vordenker) und dann vehement die amerikanische Wissenschaftlerin Lynn Margulis (1970, nur anfänglich Bezug auf die Vordenker) diesen Gedanken wieder auf. Doch der Gedanke war vorgedacht. Die Endosymbiosetheorie zur Abstammung der Plastiden war recht präzise von C. Merežkowskij formuliert und 1905 publiziert. Jedoch hatte auch er „Vor- bzw. Mitdenker“. Zu dieser Zeit war die Idee keineswegs neu, schon mehr als 20 Jahre vorher wurde darüber in wissenschaftlichen Kreisen (z.B. Schimper 1883), auch unter den amerikanischen Wissenschaftlern mit denen Merežkowskij während seines Aufenthaltes in Kontakt stand, diskutiert. Immer spielten dabei Algen eine wichtige Rolle als Forschungsobjekte.
Heute wird kaum mehr an der Theorie gezweifelt und zahlreiche Forschungen an verschiedenen Algengruppen belegen eindrucksvoll den Erfolg der Lebensstrategie „Kooperation und Intergration“.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: 1) Symbiogenesis Eine neue Theorie von der Entstehung der Organismen; 2) Bio- und Bibliographien; 3) Wurzeln und Wege der Endosymbiosetheorie.
Im ersten Teil werden acht Originalpublikationen von Constantin Merežkowskij (6) und Andrej Famincyn (2) zwischen 1905 und 1912 abgedruckt, in denen zum ersten Mal klar die Möglichkeit der Abstammung der Plastiden („Chromatophoren“) von Cyanobakterien („Cyanophyceen“) formuliert wird, wobei Merežkowskij die Ehre gebührt dies als erster publiziert zu haben. Auf Seite 115 des Buches findet man im Nachdruck der Publikation von C. Merežkowskij (1910) übrigens einen erstaunlich modernen „phylogentischen Baum“ dargestellt.
Der zweite Teil widmet sich mit zwei Beiträgen von Ksenija V. Manojlenko dem Leben und Werk von Andrej Sergeevič Famincyn und mit zwei weiteren Arbeiten von Larisa Shumeyko und Ekkehard Höxtermann dem rast- und ruhelosen Leben sowie der Bibliographie des Konstantin Sergeevič Merežkowskij.
Im dritten Teil des Buches werden die Wurzeln und Wege die zur Formulierung der Endosymbiosetheorie führten, beleuchtet. Ekkehard Höxtermann und Dieter Mollenhauer geben einen Überblick zur Entwicklung des Symbiosebegriffs in der Biologie und zeigen u.a. auf wie wichtig die Erkenntnis war, Flechten als Symbiose von Algen und Pilzen zu verstehen. In einem Beitrag von E. Höxtermann wird die Rolle von Natur und Ursprung der Chromatophoren bei der Begründung der Endosymbiotentheorie dargelegt und Armin Geus untersucht die Rolle, welche die Erkenntnisse über symbiontische Algen in Protisten und Invertebraten zur Entwicklung der Theorie beigetragen haben.
Die außergewöhnlich wichtige Rolle der Erforschung von Blaualgen (Cyanobakterien) und ihren zahlreichen Symbiosen, von Syncyanosen und von Protisten analysiert Dieter Mollenhauer beeindruckend und detailliert in einem eigenen Kapitel. Reinhard Mocek untersucht den Einfluss welchen die Endosymbiose auf sozialtheoretische Themen (Kooperation und Harmonie statt Kampfesmetaphern) hatte. George S. Levit und Wolgang E. Krumbein legen die Diskussion der Symbiogenesetheorie unter russischen Zoologen und Biologietheoretikern zur Zeit und im Umfeld von Merežkowskij und Famincyn dar, während Uwe Joßfeld den Einfluß der Theorie der „cytoplasmatischen Vererbung“ auf das Endocytobiosekonzept und Rudolf Hagemann die Entwicklung der plasmatischen Vererbung untersuchen.
Der Zellbiologe Eberhard Schnepf, der mit seinen Arbeiten wesentlich zur Erkenntnis der Endosysmbiose beigetragen hat, beschreibt in seinem Kapitel die Beiträge der Ultrastrukturforschung an Plastiden ganz unterschiedlicher Algengruppen und der Endocytobiose von Geosiphon pyriforme zur Endosymbiontentheorie und Evolutionsforschung. Die Rezeption der Arbeiten von Merežkowskij nach 1945 werden im anschließenden Kapitel von Dieter Mollenhauer aus der Sicht eines Studenten und Nachwuchswissenschaftlers in der Nachkriegszeit dargestellt und zeigen, wie sehr der kalte Krieg doch auch in den Köpfen mancher Wissenschaftler(innen) sein Werk vollbrachte.
Der wesentliche und die Erkenntnisse zur Endosymbiose erheblich erweiternde Aspekt des Plastidengenoms wird eindrucksvoll im Kapitel von Klaus V. Kowallik unter Bezugnahme auf viele grundlegende Arbeiten an Algenplastiden dargestellt. Abgeschlossen wird der Band schließlich mit einem originellen Kapitel zum Ursprung des Zellkerns von William Martin, in dem er die Ansicht Merežkowskij aufgreift und die Wahrscheinlichkeit der Abstammung des Zellkerns von einem eingewanderten Prokaryonten vor dem Hintergrund moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse diskutiert.
Das Buch ist Kapitel für Kapitel lesenwert und eine Fundgrube alter und neuer Erkenntnisse. Unbedingt empfehlen möchte ich aber auch den sehr lesenswerten Vorspan des Buches mit einem Vorwort von Jürgen Soll und Uwe Maier, einer Einführung der Herausgeber und dem mit scharfem Verstand geschriebenen Geleitwort von Lothar Jaenicke. Eine bessere Werbung für Forschung an und mit Algen können wir kaum bekommen.
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