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Sektion Phykologie

der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG) e.V.

Pressemitteilung

8.4.2008

Alge des Jahres 2008: Micrasterias - unsterblich und doch auf der Roten Liste

Algenforscher der Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft wählen die Zieralge Micrasterias zur Alge des Jahres 2008. Micrasterias, aus dem Griechischen abgeleitet etwa „kleines Sternchen“, ist eine stark bedrohte, formen- und artenreiche Algengattung, die auf intakte Gewässer angewiesen ist.

„Das faszinierende an Micrasterias ist ihr ästhetisches Aussehen“, schwärmt Monika Engels, eine Phykologin der Universität Hamburg, die die Zieralgen kultiviert. Unter dem Mikroskop entfaltet sich die Schönheit der Zieralgen, die mit den Pflanzen näher verwandt sind als mit anderen Algen: Die kugel- und scheibenförmigen Einzeller haben eine charakteristische Zellwand und bestehen meist aus zwei fast spiegelbildlichen Halbzellen, die am so genannten Isthmus verbunden sind. „Manche Micrasterias sind sogar radiär-symmetrisch, haben also mehr als eine Spiegelachse“, erklärt Engels. Die meisten Micrasterias-Vertreter sind kaum dicker als der Durchmesser eines Haares: zwischen 0,1 und 0,3 Millimeter, sie sind also nur unter dem Mikroskop auseinander zu halten.

Micrasterias zeigt sauberes Wasser an

Naturschützer und Umweltforscher nutzen Micrasterias als Bio-Indikatoren: Sie sind die wichtigste Zieralgen-Gattung, um die Wasser-Qualität zu beurteilen, weil sie sehr empfindlich auf ihre Umwelt reagieren. Beispielsweise kommen je nach pH-Wert des Wassers andere Arten vor: In sehr sauren Gewässern leben nur wenige Arten, von denen jede jedoch ziemlich häufig vorkommt. In mäßig sauren Standorten treten dagegen viele verschiedene Algenarten auf, jede für sich jedoch in geringer Anzahl. Einige Micrasterias-Arten kommen nur in nährstoffarmen Gewässern vor und dienen als Anzeiger unbelasteten Wassers.

Überleben ungewiss

In Deutschland sind die meisten der annähernd 800 Zieralgen-Sippen gefährdet. „Mehr als 500 Arten stehen bereits auf der Roten Liste“, beklagt Wolf-Henning Kusber vom Botanischen Museum Berlin-Dahlem, der die Rote Liste der Zieralgen Deutschlands aktualisiert. Zieralgen sind vom Aussterben bedroht, weil sie in nährstoffarmen Mooren leben. Durch Torfabbau und landwirtschaftliche Nutzung verschwinden immer mehr Moore. Einige Micrasterias-Arten haben Algenforscher beispielsweise erst wenige Male seit der Erstbeschreibung wieder gefunden. Im Raum Hamburg und in der Nähe Berlins sind mehrere Arten völlig verschollen. Auch in den verbliebenen Mooren finden die „kleinen Sternchen“ immer seltener einen Lebensraum, denn Regen verfrachtet immer mehr Nährstoffe auch in entlegene Moore. Da sie sich ändernden Umweltbedingungen nicht anpassen können, sind sie nur zu schützen, indem ihre Lebensräume unter Schutz gestellt werden.

Widerstandfähige Zellwand

Die Zieralgen der Micrasterias-Gruppe treiben entweder im offenen Wasser, leben am Boden oder wachsen auf Wasserpflanzen. Dank widerstandfähiger Polymere in der Zellwand, können Micrasterias-Arten auch am austrocknenden Gewässerrand überleben und auf einem ausgeschiedenen Schleim zum Wasser oder Licht kriechen.

Unsterbliche Micrasterias

Als unsterblich werden Micrasterias von vielen bezeichnet, weil sie sich durch einfache, ungeschlechtliche Teilung vermehren können: Um sich zu mehren, weichen die beiden Hälften der Zieralge zunächst auseinander. Nach der Verdoppelung des Zellkerns, der im Isthmus liegt, verlängert sich die Einschnürung und die jeweils fehlende Halbzelle wird wieder neu aufgebaut. Die neuen Algen sind also identische Kopien und bestehen je aus zwei verschieden alten Hälften.

Algenkopulation

Seltener pflanzen sich Micrasterias durch sexuelle Konjugation fort: Unter einem Gallert legen sich zwei verschieden determinierte Zellen aneinander und verbinden sich mit einem Kopulationskanal. Die Protoplasten beider Algen verschmelzen zur Zygote, deren Schale ganz glatt ist. Die vier Halbzellen bleiben zunächst zusammen. Erst nach zwei Zellteilungen - Micrasterias sind Haplonten, haben also nur den einfachen Chromosomensatz – bilden sie wieder die typischen Zellwände aus. Die jungen Algen besitzen somit eine aus den elterlichen Genen neu zusammen gemischte Erbmasse.

Bilder

Das gegabelte Scheibensternchen (Micrasterias furcata) hat einen Durchmesser von nur 0,2 Millimeter und lebt in Mooren. In der Roten Liste von 2008 ist es als stark gefährdet eingestuft: Seit seiner ersten Beschreibung konnte es nur dreimal in ganz Deutschland entdeckt werden. In Österreich ist die Art auf der Vorwarnliste der Roten Liste. (Foto: Dr. Monika Engels, Zieralgen-Kulturensammlung, Universität Hamburg)

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Micrasterias_furcata_1200.jpg (1,0 MB)

In der Mitte der scheibenförmigen Hochmoorbewohnerin Micrasterias radiosa zeichnet sich der durchsichtige Zellkern ab. Ebenfalls gut zu erkennen sind die zahlreichen runden Stärkespeicher (Pyrenoide). Sie ist in Deutschland sehr selten und auf der Roten Liste ebenfalls als stark gefährdet eingestuft, weil sie nicht in nährstoffüberlasteten Gewässern überleben kann. (Foto: Dr. Monika Engels, Zieralgen-Kulturensammlung, Universität Hamburg)

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Micrasterias_radiosa_1200.jpg (1,1 MB)

Die Malteserkreuz-Alge, Micrasterias crux-melitensis, wurde 1830er Jahren in der Umgebung von Berlin erstmals beschrieben. Ihre Lebensräume liegen jetzt im Inneren der Stadt und sind als wertvolle Zieralgen-Standorte verloren. Auch am Stadtrand Berlins ist die Art seit den 1930er Jahren verschollen. In den Niederlanden scheint sie noch etwas häufiger vorzukommen. (Foto: Dr. Monika Engels, Zieralgen-Kulturensammlung, Universität Hamburg)

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Micrasterias_crux-melitensis.jpg (0,6 MB)

Micrasterias truncata, wird in Deutschland in der Roten Liste als gefährdet eingestuft. Ihr Vorkommen ist auf überwiegend nährstoffarme (oligotrophe bis mesotrophe) Moorstandorte beschränkt. Im Voralpengebiet und den Alpen Österreichs kommt die Art auch häufiger vor. Im Bild sind die beiden grünen Chloroplasten der Halbzellen gelappt. (Foto: Dr. Monika Engels, Zieralgen-Kulturensammlung, Universität Hamburg)

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Micrasterias_truncata_1200.jpg (0,5 MB)

Micrasterias ceratofera Micrasterias ceratofera ist ein stacheliger Exot aus Südost-Asien, der 1885 erstmals beschrieben wurde. Die Art lebt am Boden größerer tropischer Gewässer, wie Seen und Flüssen, teils treibt sie auch im Plankton. Im Gegensatz zu den meisten Micrasterias-Arten Deutschlands kommt Micrasterias ceratofera nicht in Moorgewässern vor und scheint an ihren tropischen Standorten auch nicht gefährdet zu sein. Die abgebildete Alge stammt aus Indonesien, wo sie 1983  gesammelt und in Deutschland in Kultur gebracht wurde. Seitdem steht Wissenschaftlern diese Kultur in der "Sammlung von Conjugaten-Kulturen (SVCK) am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Hamburg" zur Verfügung. (Foto: Dr. Monika Engels, Zieralgen-Kulturensammlung, Universität Hamburg)

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Micrasterias_ceratofera_1200.jpg (1,4 MB)

Bildrechte

Die Bilder sind nur zur Verwendung in Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Thema „Alge des Jahres 2008“ freigegeben. Und nur unter Nennung der Fotografin in der Form: Vorname Nachname, Institut. Wenn Sie die Bilder für einen anderen Zweck verwenden möchten, kontaktieren Sie bitte Dr. Burkhard Becker (s. u.).

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Freie Universität Berlin
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Tel.: ++49 (0)30-838-50177
E-Mail:
w.h.kusber (at) bgbm.org

Dr. Monika Engels
Zieralgen-Kulturensammlung,
Abteilung Zellbiologie und Phykologie,
Universität Hamburg,
Ohnhorststr. 18
D-22609 Hamburg
Tel. ++49 (0)40-428 16 321 
E-Mail: engels@botanik.uni-hamburg.de

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Die Mitglieder der Sektion Phykologie (Algenkunde) untersuchen Algen wissenschaftlich und bearbeiten unter anderem taxonomische, ökologische, physiologische und molekularbiologische Fragestellungen an Mikro- und Makroalgen. Die Sektion ist eine der fünf Fachsektionen der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG) e. V.

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Pressetext von Dr. Esther Schwarz-Weig: www.WissensWorte.de